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Götterdämmerung
SMASHWORDS EDITION
Published by
Lothar E. Meinerzhagen on Smashwords
Götterdämmerung
Copyright © 2011 Lothar E. Meinerzhagen
Cover und Web Design Tom Oellerich //www.melzilla.de // V. 19072011
ISBN 978-3-9814428-0-
Für meine Mutter, die mir die Liebe zum Detail schenkte.
Für meinen Vater, der »für das Pack« seine Haut zu Markte tragen musste.
L. E. M.
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Wenn Du das Unmögliche ausgeschlossen hast,
dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit,
wie unwahrscheinlich sie auch ist.
Sir Arthur Conan Doyle
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Table of Contents
Chapter 01 – Canaris und Heydrich
Chapter 07- Himmlers Wewelsburg
Chapter 08 – Von Sten Guns und Fairbairn-Sykes Kampfmessern
Chapter 09 – Friedhofsruhe und Düsenlärm
Chapter 12 - Der Bruneval Raid
Chapter 13 – Attentat auf Heydrich
Chapter 15 – Die Eroberung des Weltalls
Chapter 18 – Es war so, als würde ein Engel schieben
Chapter 19 – Hamburg im Feuersturm
Chapter 22 – Der Walter C. Langer Report
Chapter 23 – Canaris wird entmachtet
Chapter 25 – Von Manstein in Paris
Chapter 26 – Gottow und die Bombe
1. Teil
Chapter 01: Canaris und Heydrich
Es war ein sonniger Montagmorgen an diesem 7. Oktober 1940. Schweißgebadet erwachte Oberleutnant Othmar Schmidt gegen sechs Uhr aus einem Albtraum, von dem er sich sehnlichst wünschte, er würde niemals Realität werden. Doch viel Zeit zum reflektieren blieb ihm nicht. Admiral Wilhelm Canaris, Chef des Amtes Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht, hatte ihn heute um 11:00 zu einem Termin in die Reichshauptstadt befohlen. Schmidt grübelte seit Tagen über den Grund des Treffens, konnte sich aber keinen Reim machen. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren gehörte er bereits zu den erfahrenen Hasen im Technischen Amt der Abwehr und hatte sich nachhaltig einen Namen als analytischer Auswerter der britischen Luftfahrt- und Heeresentwicklungen gemacht. Er galt als Experte des Jagdflugzeuges Spitfire, das er persönlich auf Herz und Nieren untersucht hatte, nachdem ein flugfähiges Exemplar den vorrückenden deutschen Truppen in Holland im Mai in die Hände gefallen war. Obwohl er direkt an Canaris berichtete, war er administrativ der Abteilung Abwehr I für Nachrichtenbeschaffung unter ihrem Amtschef Oberst Hans Piekenbrock unterstellt und zurzeit bei der Erprobungsstelle Rechlin unter Leitung des von ihm sehr geschätzten Oberst Petersen stationiert. Seine vordringliche Mission in Piepenbrocks Unterabteilung I Tlw, Erkundung, Technik, Luftwaffe, war die Beurteilung der britischen Flugzeug- und Funkmessentwicklung, oder Radar, wie die Herren von der anderen Feldpostnummer die neue Technik nannten sowie die Raketen- und Nuklearforschung, die Beschaffung von Konstruktionsdetails und der Analyse der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Daneben gehörte die Ausforschung des britischen und amerikanischen Panzerprogramms zu seinen vordringlichen Aufgaben. Mit anderen Worten, Industriespionage auf höchstem Niveau. Schmidt zwang sich mit einem Seufzer aufzustehen, ging zum geöffneten Fenster und blickte auf die Müritz, die im diffusen herbstlichen Dunst nur schwer auszumachen war. Eine kühle leichte Brise versetzte ihm einen Schauer. Mit einem Ruck drehte er sich um, ging ins Badezimmer und blickte prüfend in den Spiegel.
»Rasieren lohnt sich schon«, murmelte er, während sein linker Daumen und Zeigefinger über sein kratziges Kinn glitt. Mit routinierten Handgriffen verteilte er mit den rechten Fingern Rasiercreme mit dem edlen Duft von Sandelholz auf seiner Haut und schäumte diese mit einem Dachshaarpinsel auf. Die ätherischen Öle verbreiteten im Nu eine spezielle Duftnote im spartanisch eingerichteten Raum. Mit einem Messer aus Damaststahl, dessen Heft aus echtem Büffelhorn gefertigt war, entfernte er die Stoppeln in kurzer Zeit. Dieses Luxusutensil hatte er sich während seines Studiums in Cambridge bei Taylor in der Old Bond Street in London gekauft und war ein äußeres Zeichen seiner Eitelkeit, die unter seinem ansonsten bodenständigen Charakter schlummerte. Zum Schluss gönnte er sich ein extravagantes Aftershave, welches er von seinem Vater zu seinem Geburtstag bekommen hatte. Die Mesopotamier wussten schon vor siebentausend Jahren, was schön und angenehm war, schoss es ihm durch den Kopf, als sich das Aroma des Hautwassers entfaltete.
Schmidts preußischer Charakterkopf passte perfekt zu seinen schlaksigen 182 Zentimetern und dunkelbraune Strähnen fielen ihm ins Gesicht, während er sich bückte, um die Verschlusskappe der Zahnpasta aufzuheben, die im Eifer des Gefechts zu Boden gefallen war. Schmidt war zwar ein sportlicher Typ, doch kein Athlet. Seine physische Stärke war eher Resultat von Straßenbau und Gartenarbeit als sportlichem Ehrgeiz. Sein Vater hatte sich vor Jahren in den Kopf gesetzt, die zweihundert Meter lange Auffahrt zum neuen Eigenheim selbst zu befestigen und hatte seine beiden Söhne Othmar und Friedrich zu Fronarbeiten herangezogen. Das Gleiche galt auch für den großzügigen Garten, der dank der zupackenden Hilfe der beiden Heranwachsenden recht bald stattliche Formen annahm. Für Othmar war diese Art der Freizeitbeschäftigung nicht unangenehm. Nur wenn er auf Spaziergängen mit seinem Vater, wie er meinte, genötigt wurde, kleine Findlinge von den Ackerrainen auf seinen Schultern nach Hause zu schleppen, kam ein leiser Protest über seine Lippen, der dennoch schnell eingestellt wurde, sobald sein Vater selbst ein noch größeres Trumm davontrug. Eine weitere Eigenart seines Vaters sorgte in seinen jungen Jahren ebenfalls für Unverständnis. Dieser frönte auf seinen einsamen Spaziergängen seinem Hobby, neue Fremdsprachen zu lernen, indem er portugiesische und später russische Vokabeln in die Stille des Waldes brüllte. Diese Eigenart ließ sich natürlich in der Nachbarschaft nicht verheimlichen und so wurde er häufig Zielscheibe von spöttischen Bemerkungen seiner Mitschüler.
Nachdem er seine Morgentoilette beendet hatte, zog er seine Uniform an, stellte sich vor den mannshohen Spiegel, korrigierte hier und da den Sitz seiner Krawatte, setzte die Mütze auf und verließ den Raum. Bevor er in Richtung Berlin-Tempelhof abhob, wollte er sich noch ein ausgiebiges Frühstück gönnen. Gegen 07:00 betrat er das Kasino, das schon gut besetzt war. Eine Reihe von Offizieren und zivilen Ingenieuren hatten sich bereits eingefunden und bedienten sich von der Frühstückstafel, die zwar nicht üppig, aber völlig ausreichend mit allerlei Zutaten bestückt war. Schmidt griff sich ein Tablett, angelte sich ein Brötchen, Schwarzbrot, Margarine, Aufschnitt und eine Portion Rührei und suchte ein ihm vertrautes Gesicht. Leutnant Otto Lechner hatte ihn schon beizeiten gesichtet und winkte den Freund an seinen Tisch.
»Na, gut geschlafen?«
»Kann nicht klagen«, erwiderte Schmidt und zog den Stuhl an sich heran.
»Wie kommst du nach Tempelhof?«
»Ich nehme die Me 109 E3, die mir Messerschmitt zur Nutzung überlassen hat«, erwiderte Schmidt.
»Nobel geht die Welt zugrunde«, gackerte Lechner und warf ihm eine Scheibe Schinken auf das Brot, das fertig mit Margarine bestrichen vor seinem Freund lag. »Wenn ich nur wüsste, was der Alte von mir will«, brach es aus Schmidt hervor.
»Seit Wochen treibt sich Canaris in Spanien und Portugal herum, berichtet aber ausschließlich an den Führer. Das macht er sonst nie.«
»Vielleicht ist er auf besonderer Mission«, warf Lechner ein.
»Spanien war und ist doch seine ureigene Domäne, wie du mir immer gesagt hast.«
»Das stimmt, aber merkwürdig ist es schon. Wer weiß, vielleicht soll er Franco überreden, sich endlich Gibraltar vorzunehmen«, meinte Schmidt kauend.
»Oder er will wissen, ob du Neuigkeiten von Frank Whittle zu erzählen hast«, konterte Lechner.
»Nein, ohne dir Geheimnisse zu verraten, von der Power Jet Company gibt es zurzeit nichts Aufregendes zu berichten. Da glaube ich eher, dass Hans von Ohain interessantere Neuigkeiten parat hat.«
»Was weißt du, was ich nicht weiß«, entgegnet Lechner.
»Oh gar nichts, ist nur so eine Redensart. Du bist doch ganz dick mit ihm, da hieße es Eulen nach Athen tragen, wenn ich dir was von der Entwicklung des Strahltriebwerkes erzählen würde. Im Übrigen fände ich es ganz nett, wenn du mich mal deinem Genie vorstellen könntest.«
»Das lässt sich machen«, grinste Lechner.
»Er ist Mittwoch zu einem Vortrag auf dem Stützpunkt geladen.«
»Toll, dann kann ich ihn ja direkt fragen, ob er oder Whittle zuerst ein Patent angemeldet haben.«
Die beiden Freunde verstummten für eine Weile, weil der »Doppeldecker«, bestehend aus zwei Weißbrotscheiben, gekochtem Schinken und Käse, ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie kannten sich schon seit der Zeit, da sie gleichaltrig ihr Studium am Flugtechnischen Institut der Technischen Hochschule Berlin begannen. Danach besuchten sie das Aerodynamische Institut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, wo sie unter Leitung von Carl Wieselsberger am Aufbau eines intermittierend arbeitenden Überschallwindkanals arbeiteten. Otto Lechner ging anschließend nach Paris, um an der Sorbonne Aerodynamik zu studieren, Schmidt zog es hingegen zunächst an die TH in München und anschließend nach Cambridge ans Isaac Newton Institut für Mathematik. Sie verloren sich nicht aus den Augen und beschlossen gemeinsam nach Abschluss ihres Studiums ihren Wehrdienst bei der Luftwaffe als Flugzeugführer zu leisten. An der Dresdner Luftkriegsschule unter Generalmajor Oskar Kriegbaum bekamen sie den ersten Schliff, danach wurden sie nach Werneuchen in der Mark Brandenburg zur Jagdfliegerschule versetzt. Hier übernahm der Pour-le-Mérite-Träger Oberst Theo Osterkamp als Ausbildungsleiter das Kommando. Nach Beendigung ihrer Schulung und bestandener Prüfung akzeptierten die Freunde danach ein Angebot des Reichsluftfahrtministeriums, sich der Flugerprobung bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt zu widmen, da man ihr technisches Verständnis und Geschick als Piloten schätzte. Später folgte Schmidt dem Ruf der Abwehr, der Organisation der Wehrmacht für Spionageabwehr, Spionage und Sabotage.
»Kommst du heute noch zurück?«
»Logisch, wenn nicht, würde ich die Taifun nehmen, denn in die Me 109 passt nur noch eine Zahnbürste«, erwidert Schmidt und erhob sich von seinem Stuhl. »Was hast du heute vor, Otto?«
»Wir bekommen heute die erste Vorserienmaschine der Focke-Wulf Fw 190 A-0, die als nächste Jägergeneration im folgenden Jahr eingeführt werden soll. Der werde ich mal ordentlich auf den Zahn fühlen.«
»Das klingt spannend. Lass uns heute Abend ein Bier trinken. Bin ganz wild drauf zu hören, wie sie wirklich ist. Man erzählt sich ja unter der Hand Wunderdinge.«
»Alles klar Othmar. So gegen 20:00?«
»Bestens, dann bis später ...«
Schmidt griff sich seine Schirmmütze und trabte in Richtung Flugplatz. In der Flugleitung angekommen traf er auf Major Ernst Hansen von der Erprobungsstelle Karlshagen auf Usedom, der im Begriff war nach Peenemünde zu fliegen.
»Na, Schmidt, unterwegs zum Chef nach Berlin?«
»Können Sie Gedanken lesen, Herr Major?«
»Das nicht, aber wenn Sie schon im vollen Wichs hier antreten, dann kann es ja nur zum Rapport gehen.«
»Na, dem ist nichts mehr hinzuzufügen,« entgegnet Schmidt lachend. Nachdem beide den Papierkram erledigt, den aktuellen Wetterbericht studiert und die Startfreigabe erhalten hatten, gingen sie zu ihren Maschinen, die nicht weit von der Flugleitung von den Flugzeugwarten bereits vorbereitet wurden.
»Hals und Beinbruch Schmidt, und lassen sie sich mal wieder sehen, bei uns laufen ein paar höchst interessante Projekte.«Während Major Hansen auf die Tragfläche einer Me 108 »Taifun« stieg, begrüßte Schmidt seinen Wart.
»Hallo Klaus, alles klar?«
»Maschine startklar, vollgetankt und aufmunitioniert, Herr Oberleutnant.«
»Da wollen wir aber nicht den Teufel an die Wand malen, Klaus. Auf den Tommy werde ich wohl kaum treffen.«
»Man weiß nie, Herr Oberleutnant. Vorsicht heißt die Mutter der Porzellankiste! Vergessen Sie nicht, dass der Engländer bereits am 25. August Berlin angegriffen und Kreuzberg und Wedding bombardiert hat!«
»Aber nachts, Klaus!« lachte Othmar.
Er hatte unterdessen die linke Tragfläche bestiegen und sich in das enge Cockpit eingefädelt. Der Wart tauchte wenig später neben der Kanzel auf und half Schmidt beim Anlegen der Gurte. Schmidt tauschte seine Mütze mit der Fliegerhaube und schloss mit der linken Hand das Cockpit. Da der Motor schon extern aufgewärmt worden war, aktivierte Schmidt die Wasser- und Schmierstoffkühlerklappen, stellte mithilfe des äußeren linken Verstellrades die Landeklappen in Startstellung auf zwanzig Grad und drehte mit dem inneren linken Verstellrad die Höhenflosse auf ein Grad. Mit einem Blick auf den Doppelanzeiger für Kühlmittelaustritt- und Schmiermitteleingangstemperatur überzeugte er sich von der optimalen Schmierstoff-Eintrittstemperatur von dreißig Grad und zeigte dem Wart mit emporgerecktem Daumen, dass das Triebwerk bereit zum Start war. Nun begann der Wart mit dem nächsten Akt des Startvorgangs. Da der Anlasser für den Motor als Schwungkraftanlasser ausgelegt war, musste er so lange ein Schwungrad auf Touren drehen, bis er die notwendigen Umdrehungen erreichte. Erst jetzt konnte Schmidt den Startknopf neben seinem linken Knie betätigen. Sofort sprang der Daimler-Benz 601 A mit seinen eintausendeinhundert PS grollend an und fiel in ein dunkles Röhren. Jetzt überprüfte Schmidt die Magnetzündung, die Benzinpumpen und die Zylinderkopftemperatur. Nachdem alles im grünen Bereich schien, grüßte er seinen Wart ein letztes Mal, der daraufhin die Bremsklötze vom Fahrwerk entfernte. Nachdem Klaus seinerseits dem Piloten ein Okay Zeichen gegeben hatte, schob Schmidt mit seiner linken Hand den Leistungshebel nach hinten. Der Motor heulte auf und die Me 109 setzte sich in Bewegung. Viel sehen konnte Schmidt nicht, da die Sicht nach vorn wegen der ellenlangen Motorhaube verheerend war. Das hochbeinige Fahrwerk mit der schmalen Spur machte das Rollen auch nicht einfach, da Gierkräfte und Propellerverwirbelungen auf das Flugzeug einwirkten. Nach der Startfreigabe gab Schmidt Vollgas und nach nur wenigen hundert Metern hob die Messerschmitt ab. Wenig später fuhr er das Fahrwerk ein, kurbelte mit dem linken großen Handrad die Landeklappen hoch und trimmte den nunmehr schwanzlastigen Jäger mit einem ähnlichen Handrad auf Horizontalflug nach. Anschließend wurden Triebwerk und Propeller manuell auf Reiseleistung gebracht. Erst jetzt konnte sich Schmidt entspannen und den Flug genießen. Schmidt freute sich auf seine Begegnung mit Canaris, der wie ein väterlicher Freund zu ihm war. Bedanken konnte er sich bei seinem Vater Carl für diese außergewöhnliche Beziehung, denn der pflegt zu Canaris eine Freundschaft, die bereits seit April 1898 bestand. Damals wurden die beiden Schulbuben in die Sexta des Duisburger Steinbart-Realgymnasiums eingeschult. Carl Schmidt gefiel die stille und zurückgezogene Art von Wilhelm Canaris, und bald zeigten sie sich unzertrennlich. Im März 1905 machten beide ihr Abitur. Canaris hatte schon in der Untersekunda bekundet, Marineoffizier werden zu wollen. Sehr zum Missfallen seiner Eltern. Doch das Ruhrgebiet war von jeher eng mit Schiffbau und der Marine verbunden, was auf Wilhelm Canaris abfärbte. Eine Offizierslaufbahn im Heer wäre undenkbar gewesen, da ausschließlich Adels- und traditionelle Offiziersfamilien sowie pommersche und preußische Junker für die Offizierslaufbahn in der Armee in Frage kamen. Die Marine suchte hingegen einen neuen, besser ausgebildeten Typus von Offizier. Es war daher nicht überraschend, dass Canaris sich am 1. April 1905 an der Deckoffiziersschule in Kiel meldete. Auch auf Carl Schmidt hatte Canaris Liebe zur See abgefärbt. Er begann zunächst ein Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule in München, dem ein Schiffsbaustudium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg folgte. Schon in Berlin erhielt er ein Angebot als Entwicklungsingenieur von der Germania Werft in Kiel, das er 1913 annahm. Während des 1. Weltkrieges wurde Canaris durch seine Flucht aus Südamerika zum Volkshelden. Am 14. März 1915 stellte der englische Panzerkreuzer HMS Glasgow den Kreuzer SMS Dresden, auf dem Canaris als Adjutant von Kapitän Lüdecke Dienst tat. Nach der Selbstversenkung der SMS Dresden wurde die deutsche Besatzung in Chile interniert. Im Herbst 1915 flüchtete er aus der Internierung zurück nach Deutschland. 1916 erreichte er den Rang eines Kapitänleutnants und sammelte erste nachrichtendienstliche Erfahrungen. Als Kundschafter und Organisator von Versorgungsstützpunkten war er für deutsche U-Boote in Spanien unterwegs. Für diese tollkühne Mission erhielt er das Eiserne Kreuz 1. Klasse. 1917 absolvierte er einen Kommandantenlehrgang an der U-Boot-Schule in Eckernförde, den er mit Auszeichnung beendete. Sein erstes Kommando erhielt er als Kommandant des Minenlegers UC 27 im Dezember 1917. Im Januar 1918 übernahm er U-34 und torpedierte und versenkte bis zum Ende des Weltkrieges fünf Schiffe. Auch Carl Schmidt machte schnell Karriere und sich einen Namen als U-Boot-Konstrukteur in Kiel. Nach Ende des Krieges konstruierte er zunächst zivile Dampfer für die Germania Werft, bevor ihn die Germania im Zuge der geheimen U-Boot-Rüstung der Reichsmarine nach Den Haag in Holland schickte. Um die Bestimmungen des Versailler Vertrages zu umgehen, die eine Verbot des Baues und Unterhaltung von U-Booten beinhaltete, hatte der damalige Marinechef, Admiral Behncke, in den neutralen Niederlanden das »Ingenieurskantoor voor Scheepsbouw« ins Leben gerufen. Aufgabe dieses Büros war die Konstruktion moderner U-Boote, die Ausbildung von Personal und die Zusammenarbeit mit ausländischen Marinen. Daraus entwickelte sich eine geheime Zusammenarbeit mit Spanien. Carl Schmidt wurde Januar 1925 nach Cartagena entsandt, wo er wieder auf seinen Freund Canaris stieß, der in geheimer Mission die Möglichkeiten einer spanisch-deutschen Kooperation erkunden sollte. Das Resultat dieser Zusammenarbeit erwies sich letztlich für die Marine als unbefriedigend, denn außer zum Bau eines modernen 600-Tonnen-Bootes führte diese Aktion zu keinen weiteren Aufträgen. Doch es sollte einen Gewinner geben: Canaris. Während Schmidt seinen Gedanken nachhing, kam bereits Oranienburg in Sicht. Er meldete sich bei der Flugleitung in Tempelhof und bat um Landeerlaubnis. Da Westwind herrschte, überflog Schmidt Berlin Mitte, kurvte über Treptow ein und begann seinen Landeanflug über Neukölln. Schmidt liebte diesen Teil des Fluges, da man einen herrlichen Ausblick über das Stadtzentrum mit dem Brandenburger Tor, dem Hotel Adlon, der Wilhelmstrasse mit der Neuen Reichskanzlei und das Schloss hatte. Doch Konzentration war gefragt, denn die Messerschmitt war zickig wie eine englische Aristokratin. Hier zählte jeder Fehler doppelt. Schmidt stellte zunächst den Propeller auf kleine Steigung, indem er den Verstellschraubenschalter am Gerätebrett auf 12 Uhr justierte. Dann verringerte er die Fahrt auf etwa 200 km/h, schaltete das elektrische Fahrwerksanzeigegerät an und fuhr das Fahrwerk aus, indem er den Fahrwerksschalter in Stellung »Aus« drehte. Er stellte er die Landeklappen auf vierzig Grad und trimmte das Flugzeug schwanzlastig. Jetzt konnte man nur beten, dass beim Ausfahren der Landeklappen das Boschhorn nicht ertönte, denn dies bedeutete, dass das Fahrwerk nicht vollständig ausgefahren war. Schmidt war voll konzentriert, als er die Me 109 in einem steilen Gleitwinkel und mit 200 km/h in Richtung Landebahn steuerte. Langsam verringerte sich die Geschwindigkeit und mit ca 150 km/h setzte die Me 109 sanft wie ein Blatt auf der Grasbahn auf. Schmidt rollte bis dicht an die imposante halbmondförmige Empfangshalle, dem flächengrößten Gebäude der Welt, und stellte den Motor ab. Nach dem obligatorischen Besuch der Flugleitung ließ er sich zu Canaris Büro fahren, das sich im Gebäude des Oberkommandos der Marine am Tirpitzufer 74-76 neben dem Bendlerblock befand. Nachdem er sich um 10:55 in der Wache gemeldet hatte, holte ihn ein Adjutant des Admirals ab fuhr mit ihm in einem vorsintflutlichen Aufzug in das oberste Stockwerk und komplimentierte ihn in das Büro des Abwehrchefs. Dieses ehemalige Etagenhaus war mit seinen verwinkelten und halbdunklen Korridoren, den Salons, Küchen, Kammern und »Berliner Zimmern«, Räumen, die den Seitenflügel mit dem Hinterhaus verbanden, äußerst unübersichtlich und als Bürogebäude denkbar ungeeignet. Doch die unmittelbare Nähe zum Oberkommando der Wehrmacht, das man durch einen Verbindungsgang betreten konnte, machte die Nachteile wieder wett. Canaris saß hinter seinem Schreibtisch, den Rücken zum Fenster gewandt, das einen Blick auf den Landwehrkanal ermöglichte. Der Admiral, Herr von vierhundert Offizieren und etwa dreißigtausend Verbindungsleuten schaute von einer Akte auf und seine Mimik erhellte sich, als er Othmar Schmidt erkannte:«Schön, dass du da bist«, und nach einem Blick auf seine Armbanduhr »und wieder pünktlich wie der Maurer.« Canaris war trotz seiner geringen Größe von 163 Zentimetern, mit seinem feinen weißen Haaren, seinen freundlichen, hellblauen Augen und den buschigen Augenbrauen eine eindrucksvolle Erscheinung. Dennoch machte er wegen seiner gebückten Haltung einen durchaus älteren Eindruck, als seine dreiundfünfzig Jahre eigentlich vermuten ließen.
Gleichermaßen erfreut wie Canaris schienen seine beiden Dackel Kasper und Sabine zu sein, die freudig erregt in ihrem Körbchen mit den Ruten wedelten. Canaris, das wusste Schmidt aus eigener Erfahrung und aus Erzählungen anderer, war ein Tierliebhaber, der immer wieder betonte, dass man Tieren mehr trauen konnte als Menschen. Seine Liebe zu seinen Tieren wurde manchmal auch missverstanden. Bei einem seiner Italienbesuche erkundigte sich der Admiral über Telefon bei seiner Sekretärin in Berlin, wie es denn dem kleinen, kranken Racker ginge. Die Konversation war so lange und derart detailliert, dass die Italiener glaubten, er vermittelte Geheimnisse in einem speziellen Code. Dabei ging es ausschließlich um die Gesundheit eines seiner Dackel. Ähnlich verhielt es sich mit seinem Papagei, der aber stets zu Hause in Schlachtensee blieb. Das Büro, das bei der Abwehr nur als »Fuchsbau« bekannt war, war ein mittelgroßer, recht spartanisch eingerichteter Raum. Vom Zimmer aus hatte man Zugang zu einer Terrasse, vor der man auf den Kanal blicken konnte. Neben dem Schreibtisch und zwei einfachen Holzstühlen befanden sich nur noch ein verschlissenes Sofa, die obligatorischen Aktenschränke und ein rostiges Feldbett im Raum, das der Admiral häufig nutzt, wenn es mal wieder zu spät zur Heimfahrt an den Schlachtensee geworden war. Als Wandschmuck fanden sich eine Weltkarte, Portraits seiner Vorgänger, ein Foto Francos mit persönlicher Widmung und ein Dämon, ein Geschenk des japanischen Botschafters und Generals der kaiserlichen japanischen Armee, Oshima Hiroshi. Ein Modell des Kreuzers Dresden dominierte seinen Schreibtisch, auf dem neben einem Briefbeschwerer drei bronzene Affen auf einer Steinplatte saßen. Der eine Affe lauschte angestrengt, indem er mit einer Hand das Ohr verstärkte, der andere schaute intensiv in die Ferne und der dritte schließlich bedeckte sein Maul mit einer Hand. Damit wurde jedem Besucher das Motto der Abwehr klar: Sehen und hören, aber schweigen.
»Wie geht es deinem Vater, Othmar?«
»Ganz gut, er hat das erste Walter-Versuchsboot fertig gestellt, das sich jetzt in der Erprobungsphase befindet. Er ist von Hellmut Walters neuem Antrieb hellauf begeistert. Mehr erzählt er nicht. Strikte Geheimhaltung meint er.«Canaris erhob sich aus seinem Sessel und reicht Kasper und Sabine je einen Hundeknochen.
»Ich habe davon gehört, die Walteranlage soll die V 80 auf siebenundzwanzig Knoten getrieben haben. Unter Wasser versteht sich; so was hat die Welt noch nicht gesehen und wird den U-Boot-Krieg revolutionieren«, fuhr Canaris fort.
»Ich will nur hoffen, dass die Marine die Bedeutung des Projektes erkennt. Der Projektleiter im OKM, Diplomingenieur Waas, ist schon ziemlich genervt von dem Desinteresse der Führung. Waas scheut sich nicht, sie Ignoranten zu nennen.«
»Eine Unterwasserfahrt von siebenundzwanzig Knoten? Das bedeutet ja, es wäre einem Typ-VIIC-Boot haushoch überlegen. Das schafft ja nur 17,2 Knoten über und 7,6 Knoten unter Wasser.«
»Du sagst es Othmar, und dennoch befürchte ich, dass wegen der Hybris unseres glorreichen Führers diese Entwicklung verschlafen wird. Hitler hat nämlich im Februar angeordnet, dass alle Waffensystementwicklungen, die länger als ein Jahr zur Serienreife benötigen, einzufrieren sind. Der glaubt schon, er hätte den Krieg gewonnen, doch davon, glaube mir, sind wir noch weit entfernt.«
Oberleutnant Othmar Schmidt war über Canaris respektlose Bemerkung über Hitler nicht überrascht. Er kannte die Einstellung seines Gönners bezüglich Hitler und den Nationalsozialisten. Canaris politische Einstellung lag in einem national-liberalen Elternhaus begründet. Sein Vater war der technische Leiter der Applerbecker Hütte in Dortmund und wurde später Mitglied des Vorstandes der Niederrheinischen Hütte in Duisburg-Hochfeld. Wegen der innenpolitischen Entwicklung im wilhelminischen Zeitalter schlossen sich die National-Liberalen mit den Konservativen zusammen, die deutschen Industriellen verbündeten sich mit den Junkern, und bildeten im Jahre 1914 die sichersten Stützen des Regimes. Seine Marineausbildung festigte Canaris konservative Grundströmung. Nach dem Weltkrieg unterstützte er den Sozialisten Noske gegen die Revolte der Linken, doch 1919 half er auch bei der Revolution der Rechten gegen Reichswehrminister Gustav Noske, obwohl er selbst zum Stabe Noskes gehörte. Seine Rolle als Beisitzer während der Kriegsgerichtsverhandlung, in der die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht freigesprochen wurden, war undurchsichtig. 1920 wurde in der heeresstatistischen Abteilung des Truppenamtes eine Spionageabwehrgruppe mit zwei Referaten für Spionage und Sabotageabwehr im Osten und Westen gebildet. Aus ihr ging 1935 die Abwehrabteilung im Reichswehr-, dem späteren Reichskriegsministerium hervor. Im gleichen Jahr wurde Canaris im Rang eines Konteradmiral zum Chef der militärischen Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht ernannt. Nachdem 1938 daraus eine Amtsgruppe Auslandsnachrichten und Abwehr im OKW gebildet worden war, erfolgte schließlich im Oktober 1939 die Umbenennung in OKW/Amt Ausland/Abwehr. Canaris begrüßte aus seinem Antikommunismus heraus die Machtübernahme der Nationalsozialisten und hoffte auf eine Revision von Versailles. Dies alles war für einen konservativen Vertreter des Heeres durchaus nachvollziehbar, entsprach es doch der Linie des Generalstabes. Erst die Jahre der Politisierung des Heeres, die Jahre der Kriegsplanung und einer ehrgeizigen Außenpolitik nach 1935 veränderten Canaris Ansichten. Jetzt stand seine innere Haltung diametral zu Hitlers Absichten. Schmidt brach mit einem Räuspern das sekundenlange Schweigen: »Weshalb hast Du mich nach Berlin bestelllt?«
»Wir bekommen heute Besuch«, begann der Admiral und wandte sich in Richtung Fenster.
»SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes und SS-Sturmbannführer Walter Schellenberg, Leiter des Amt VI der Auslandsnachrichtenabteilung des Sicherheitsdienstes. Und sie haben explizit gefordert, dass du ebenfalls an dem Treffen teilnimmst.« Schmidt war wie vom Donner gerührt.
»Wieso ich, woher kennt Heydrich mich denn?«
Schmidt wurde bei der Erwähnung von Heydrich sofort unruhig.
»Rege dich nicht auf. Es geht ihm um technische Kompetenz und anscheinend gilt Oberleutnant Othmar Schmidt bei der SS als Koryphäe für technologische Analysen«, beruhigte ihn Canaris. »Und um was geht es?«
»Das hat er nicht gesagt. Nur dass er auf einer besonderen Mission seines Chefs, dem Reichsleiter Heinrich Himmler, sei.« Schmidt hörte die letzten Worte nur wie durch Watte. Was sollte diese Mission bedeuten? War dies ein erneuter Angriffsversuch der SS gegen die Abwehr, sich die Kernkompetenz für Spionage und Gegenspionage in der Wehrmacht zu sichern? Canaris Stimme riss ihn aus seinen Gedanken: »Bevor du jetzt völlig durchdrehst, sollten wir uns ein gutes Mittagessen gönnen. Dann lassen sich auch Himmlers Gedanken besser ertragen. Was meinst du, sollen wir uns das Hiller gönnen?«
»Haben wir denn noch genug Zeit?«
»Kein Problem, jetzt ist es 11:30 und unsere Gäste haben sich für 14:00 angemeldet«, erwidert Canaris. Canaris rief den Feldwebel der Fahrbereitschaft und gab Order, sie am Nebenausgang, Hausnummer 76, abzuholen. Wenige Minuten später stiegen sie in den Mercedes. Der Fahrer, ein Gefreiter der Abwehr, der den Admiral schon oft gefahren hatte, beschleunigt die schwere Limousine und bog nach rechts in die Hildebrandstraße ab. Der Verkehr war spärlich und fast ausschließlich von Wehrmachtsfahrzeugen geprägt. Vom Skagerrak Denkmal ging es über die Siegesallee zur Charlottenburger Chaussee und zum Brandenburger Tor. Sie passiert rechter Hand das Adlon Hotel und hielten wenig später vor dem Restaurant mit der Hausnummer 55. Eine berühmte Berliner Adresse, denn das Haus wurde bereits 1880 von Lorenz Adlon, dem Gründer des Hotels gleichen Namens gegründet. Als sie das Fahrzeug verließen, rauschte eine Böe über das Trottoire und fegte die ersten Herbstblätter in die Hauseingänge. Canaris, der das Hiller regelmäßig besuchte, wurde zu einem ausgesuchten ruhigen Ecktisch geführt. Hier war man unter sich und saß nicht auf dem Präsentierteller.
»Hier gibt es ausgezeichnete Gerichte typisch Berliner Art, Othmar. Berliner Hechtklopse, Berliner Bierkarpfen, Berliner Fischgulasch oder wenn du lieber Fleisch magst, Berliner Eisbein, Eisbeintopf, Kasseler Rippenspeer. Und wenn dir das nicht behagt, dann probier Gänseweißsauer, Gänseschwarzsauer, gepökelte Gänsekeule oder Berliner Bierhähnchen.«
»Na dann doch lieber Berliner Leber mit Zwiebeln und Püree, Wilhelm. Die anderen Gerichte sind mir doch ein wenig zu deftig.«
»Das kann ich verstehen, Othmar. Aber einmal in der Woche brauche ich Berliner Hausmannskost und die im Hiller ist eben einmalig. Ich nehme die Berliner Hechtklopse! Und dazu ein Helles.«
Der Ober nahm die Bestellung entgegen und stellte eine Flasche Apollinaris auf den Tisch.
»Sag mal Wilhelm, du kennst doch Heydrich sehr gut und schon ziemlich lange. Abgesehen von dem Ruf, der ihm vorauseilt, was ist er eigentlich für ein Mensch?«
»Heydrich habe ich das erste Mal im Januar 1924 getroffen. Damals war ich als Admiralstabsoffizier in der Ostseeflotte als Erster Offizier auf dem Kreuzer Berlin stationiert. Heydrich absolvierte seine letzte Ausbildungsstation als Seekadett auf der Berlin. Wir liefen dann zur ersten großen Auslandsreise nach dem Krieg aus. Dabei fiel mir auch auf, welch einen schweren Stand er auf dem Schulschiff hatte. Eigentlich war er richtig unbeliebt, denn er galt als arroganter ehrgeiziger Einzelgänger. Hinter seinem Rücken nannten einige ihn Ziege, weil er so eine nasale Stimme hatte, andere gaben ihm den Spitznamen Wolfsauge. Ich fand ihn aber recht interessant, denn er war ein ausgezeichneter Musiker und spielte auch auf der Berlin Geige, was nicht unbedingt unter den anderen Kadetten zu seiner Beliebtheit beitrug.«
»Das kann ich mir gut vorstellen«, prustete Schmidt, der soeben einen Schluck Wasser zu sich genommen hatte.
»Auf so einen hatte die Gang nur gewartet.«
Canaris lächelte und zog die Serviette auf seinen Schoß.
»Als wir später wieder in Kiel waren, habe ich ihn zu uns nach Hause eingeladen und Erika vorgestellt. Ihr fehlte in ihrem Streichquartett ein zweiter Geiger und da kam der Reinhard wie gerufen. Zusammen haben sie Stücke von Mozart und Haydn gespielt, während ich in der Zwischenzeit für ihn und die Damen gekocht habe.«
»Dann fand ihn deine Frau also ganz angenehm?«
»Aber ja, er ist eigentlich ein sehr umgänglicher und intelligenter Typ. Er spricht ganz leidlich russisch, spanisch, französisch und englisch und politisch hatten wir eine ähnliche konservative Haltung. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus auch so eine Art Freundschaft zwischen uns.«
»Und wie kommt es denn, dass er heute Chef des Reichssicherheitshauptamtes und nicht hoher Offizier der Marine ist?«
»Das ist eine etwas seltsame Geschichte, die eigentlich nicht hätte so enden müssen, aber wegen Heydrichs Hochmut blieb Admiral Raeder keine andere Wahl«, erwiderte Canaris.
»Heydrich hatte Lina von Osten, eine 18-jährige Berufsschülerin von der Insel Fehmarn, beim Kieler Ball der Ruderer Ende 1930 kennen gelernt. Bereits vier Tage später machte er ihr einen Heiratsantrag. Ihre Eltern hatten die Verlobung dann Weihnachten gutgeheißen, woraufhin er eine Verlobungsanzeige aufgab. Ein paar Monate vorher war er mit einem Mädel der Kolonialen Frauenschule in Rendsburg ausgegangen. Wie er mir sagte, war das nichts Ernstes, doch als er ihr eine Kopie der Anzeige zuschickte, lief die zu ihrem Vater, einem Marineoberbaurat in Kiel, und behauptete, mit Heydrich verlobt zu sein, da sie seiner Einladung zu einer Regatta in Kiel gefolgt wäre und in der gleichen Pension wie Heydrich übernachtet hätte. Obwohl Heydrich in einem anderen Zimmer genächtigt hatte, habe diese junge Frau sich daraufhin als versprochen betrachtet. Ihr Vater sah das genauso und reichte Protest gegen den treulosen Offizier bei dem Oberkommandierenden der Marine, Raeder ein. Bis hierhin wäre alles noch nicht so schlimm gewesen, doch bei dem folgenden Verfahren vor den Ehrenrat der Marine in Kiel trieb es Heydrich so arg, dass das Gremium Raeder empfahl, Heydrich wegen Unwürdigkeit aus der Marine auszuschließen. Raeder hat mir später mal vertraulich gesagt, dass in der Begründung des Rates gestanden hätte, dass seine bewiesene Unaufrichtigkeit, sich rein zu waschen, ihm das Genick gebrochen hätte. Damit war Heydrichs Marinekarriere im April 1931 beendet. Ich habe mir jedenfalls für alle Fälle ein Duplikat des Verfahrens besorgt.«
»Nun, ich kann nachvollziehen, warum Heydrich so reagierte«, kommentierte Schmidt, »was geht denn die Marine an, wen ich heiraten will?«Nun, mein lieber Othmar, so ist eben die Offiziersetikette und wer sich nicht dran hält, wird ausgeschlossen, basta. Oder glaubst du, das wäre bei der SS anders?«
»Nun ja, so kann man das natürlich auch sehen. Aber eigentlich muss er ja Raeder dankbar sein, denn erst der Rauswurf brachte ja seine Karriere in der SS ins Rollen.«
»Ohne Zweifel«, erwiderte Canaris, »wie ich erfahren habe, trat er bereits Anfang Juni 1931 der NSDAP bei, aber es war purer Zufall und gleichzeitig sein scharfer Intellekt, der ihm auf Anhieb eine Spitzenposition bei Himmler verschaffte.««Und wie das?«, schaute ihn Schmidt fragend an.
»Der Sohn von Heydrichs Patentante, Freiherr Karl von Eberstein, war zu diesem Zeitpunkt SA-Oberführer und Führer der SA von München-Oberbayern. Er hatte gute Verbindungen sowohl zum Stabschef der SA, Ernst Röhm, als auch zum Reichsführer-SS, Heinrich Himmler. Und der arrangierte ein privates Treffen mit Himmler in dessen Privatwohnung in Waldtrudering bei München. Himmler wollte schon damals seinen eigenen Nachrichtendienst aufbauen, hatte aber keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Als er nun von Karl von Eberstein hörte, dass ein Nachrichtenmann der Marine sich anböte, glaubte er, dass dieser sein Mann sein könnte. Er hatte einfach geglaubt, Marinenachrichtenoffizier sei gleichbedeutend mit Geheimdienstoffizier. Doch Heydrich nutze seine Chance. Himmler gab Heydrich zwanzig Minuten Zeit, um zu Papier zu bringen, wie er sich eine derartige Aufgabe vorstellte. Der schrieb seine Ideen nieder, entwarf ein passendes Organisationsschema und legte dem Reichsführer das Resultat vor. Dieser war sehr beeindruckt und stellte ihn sofort ein. Daraufhin trat Heydrich der SS bei.«
»Da bist du ja bestens informiert, Wilhelm«, stellte Schmidt beeindruckt fest.
»Das muss man auch bei Heydrich sein, informiert und wachsam. Immer auf der Hut vor neuen Aktionen, denn sein Ehrgeiz ist grenzenlos und in der Wahl seiner Mittel absolut skrupellos. Glaube mir, ich weiß, wovon ich spreche.«
»Kann es sein, dass ich ein gewisses Maß an Respekt bei dir erkennen kann?« warf Schmidt ein.
»Absolut Othmar, derjenige, der Heydrich nicht mit dem notwendigen Respekt begegnet, hat schon verloren. Ich gebe zu, ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Reinhard Heydrich. Einerseits fühle ich mich freundschaftlich mit ihm verbunden, andererseits fürchte ich seinen rigorosen Machthunger, der ihn gewissermaßen über Leichen gehen lässt. Bis heute ist es mir gelungen, die Trennung von Wehrmacht und SS klar zu definieren. Geholfen hat mir dabei ein Beschluss der Reichsregierung vom 17. Oktober 1933, in dem erklärt wurde, dass dem Reichswehrministerium die Hoheit über den Bereich der Spionageabwehr eingeräumt wird. Ich habe den Text sogar auswendig gelernt, um ihn notfalls zitieren zu können: Der Reichswehrminister trifft alle Maßnahmen, die zum Schutz der nationalen Sicherheit und der wehrpolitischen Belange auf den Gebieten der Abwehr und der Propaganda erforderlich sind. Er stellt die hierfür erforderlichen Richtlinien auf, an die sich die Reichsressorts und die beteiligten Landesbehörden gebunden halten.«Der Empfangschef näherte sich mit zwei Kellnern im Schlepptau. Diese platzierten zwei extravagante Teller mit silbernen Warmhalteglocken vor ihnen. Der Empfangschef setzte die beiden Biergläser ab und mit der Präzision von Sychronschwimmern hoben die Kellner die silbernen Hauben gleichzeitig empor. Schmidt hatte wegen der schieren Größe der Teller schon mit Unbehagen riesige Portionen erwartet, doch war er sichtlich erleichtert, ein eher aufgeräumtes Arrangement vorzufinden.
»Na dann mal guten Appetit«, forderte Canaris seinen Gast auf und der ließ sich nicht zweimal bitten. Nachdem der erste Bissen gemundet hatte, konnte Schmidt es nicht unterdrücken, Canaris eine weitere Frage zu stellen.
»Wer ist denn dieser Schellenberg?«, Wilhelm.
»Ein Zögling Heydrichs«, presste Canaris zwischen zwei Bissen hervor. Er wischte sich mit der Serviette den Mund ab, nahm einen guten Schluck Bier und legte das Besteck auf den Tellerrand.
»Er ist wie sein Herr ein Opportunist und Karrierist, dem Ideologie und Weltanschauung nichts bedeuten und der sich hinter der Maske des netten Kerls versteckt. Verheiratet ist er mit Irene, einer Bonner Schneiderin, aber das scheint ihm mittlerweile peinlich zu sein. Partei- und SS-Mitglied seit 1933. Zum Sicherheitsdienst der SS kam er durch Beziehung zu einem Bonner Universitätsprofessor, der ebenfalls der SS angehörte.1938 habe ich ihm indirekt zu einem Karrieresprung verholfen, als ich eine unauffällige Anfrage Heydrichs nicht genau registrierte, die auf den Aufklärungszustand bezüglich des Raumes Dakar an der afrikanischen Westküste hinauslief. Fakt war, dass Himmler mit Hitler darüber stritt, ob im Ernstfall Amerikaner und Engländer den Weg über Afrika wählen könnten, um nach Europa einzubrechen. Hitler hatte auf die fehlenden Häfen verwiesen, doch Himmler wollte das Gegenteil beweisen. Daher wies er Heydrich an, Schellenberg nach Dakar zu schicken, um speziell den französischen Kriegshafen in Augenschein zu nehmen. Viel ist außer ein paar Aufnahmen fürs Fotoalbum nicht dabei herausgekommen. Doch seine Chefs waren mit dem Ergebnis zufrieden.«
»War dies denn nicht eine direkte Einmischung in die Domäne der Abwehr?«
»Natürlich war es das, aber wir wussten ja damals gar nicht, was da vor sich ging«, entgegnete Canaris.
»Erfahren habe ich erst davon nach dem Frankreichfeldzug, als wir unsere Kollegen von der anderen Feldpostnummer beim Deuxième Buerau unter die Lupe nahmen. Dabei fanden wir in Paris einen Vorgang, der uns zeigte, dass die Franzosen jeden seiner Schritte beobachtet hatten.«
»Dann muss er sich aber sehr sorglos in Dakar herumgetrieben haben«, meinte Schmidt.
»Anfängerfehler«, antwortete Canaris.
»Den hat er bald wieder wettgemacht. Ende 1939 wurde er Leiter von Amt IV E im Reichssicherheitshauptamt, der Spionageabwehr Inland. Und dann kam im November 1939 der Venlo-Zwischenfall ...«
»Das stand ja damals in allen Zeitungen. Ich dachte aber, das wäre euer Erfolg gewesen. Was ist denn wirklich da passiert?«
Der Admiral nahm einen Schluck von seinem Bier, tupfte seine Lippen mit seiner Serviette ab und richtete seinen Blick auf Othmar Schmidt.
»Der SD hatte seit einiger Zeit einen Agenten in Holland, der Verbindungen zum britischen Secret Service aufgenommen hatte. Die Engländer erhofften von ihm, eine Verbindung zu Hitlergegnern aus Kreisen der Wehrmacht zu bekommen. Schellenberg schlug nun Heydrich vor, dass er den Hitlergegner der Wehrmacht mimen wollte, um England in die Irre zu führen. Premierminister Neville Chamberlain und Außenminister Lord Halifax sahen darin die Chance, dass Adolf Hitler von der Wehrmachtsführung beseitigt und der Krieg schon nach wenigen Monaten wieder beendet werden konnte. Schellenberg traf sich dann auch mit den Briten in Zutphen und Den Haag und die Engländer drängten ihn, ihnen endlich den General zu präsentieren, der die Widerständler anführte.«
»Das klingt ja richtig spannend!« warf Schmidt zwischen zwei Happen ein.
»Das war es auch, denn nun sollte der vermeintliche deutsche General nach London geflogen werden, um Verhandlungen direkt mit der britischen Regierung zu führen. Doch dann passierte das Bürgerbräuattentat.«
»Das Georg Elser durchgeführt hatte?«
»Genau der. Hitler und Himmler waren überzeugt, dass der Secret Service dahinter steckte und Himmler befahl daraufhin, die englischen Agenten in Holland festzusetzen und nach Berlin zu schaffen.«
»Wieso vermuteten die beiden denn die Engländer hinter dem Attentat?« unterbrach Schmidt den Redefluss des Admirals.
»Das war so eine fixe Idee der beiden. Die haben diese romantische Vorstellung vom Secret Service, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Schellenberg verabredete sich nun mit den britischen Agenten Major Richard Henry Stevens und Captain Sigismund Payne Best an der deutsch-holländischen Grenze bei Venlo und brachte ein spezielles Einsatzkommando unter der Leitung von SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks in Stellung. Bei der anschließenden Schießerei kam der niederländische Geheimdienstoffizier Klop ums Leben.«
»Das ist aber harter Tobak, die Einzelheiten kannte ich gar nicht«, stieß Schmidt hervor.
»Woher auch, das Ganze war streng geheim. Das Resultat dieser Aktion war, dass weite Teile des britischen Spionagenetzes in West- und Mitteleuropa nahezu wertlos waren. Der niederländischen Geheimdienstchefs Johan W. van Oorschot trat nach dem Debakel zurück und Hitler hatte im Mai 1940 eine Rechtfertigung für den Einmarsch in den Niederlanden, deren Neutralität durch die Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst in Frage gestellt war.«
»Und was passierte mit den Engländern?«
»Die kamen zunächst nach Berlin, anschließend ins KZ Sachsenhausen, wo sie durch die Mangel gedreht wurden. Goebbels präsentierte später, wie du weißt, Best und Stevens der internationalen Presse als Hintermänner des Attentats von Georg Elser. Aber das ist noch nicht alles, was wir über und von Schellenberg wissen. Er hatte auch für Heydrich und Himmler ein Begleitbuch zur Eroberung der britischen Insel erstellt. Diese Schrift trägt den unverfänglichen Namen Informationsheft Großbritannien. Zwanzigtausend Kopien hat der Standartenführer für den Tag X, Operation Seelöwe, drucken lassen. Chef der SS-Truppe sollte laut einer Anweisung Heydrichs vom 17. August 1940 der stellvertretende Leiter der RSHA-Abteilung Haushalt und Wirtschaft, Franz Six, werden, der vor dem Krieg Dekan für Wirtschaftswissenschaften an der Berliner Universität war. Ihm sollten sechs Einsatzgruppen in London, Bristol, Birmingham, Liverpool, Manchester und Edinburgh unterstellt werden. Eine schwarze Liste von 2820 besonders gesuchten Personen, die sofort nach erfolgter Invasion verhaftet werden sollten, hat er auch noch aufgestellt. Darunter auch Literaten wie H. G. Wells, Virginia Woolf, E. M. Forster, Aldous Huxley, J. B. Priestley, C. P. Snow, Stephen Spender, Rebecca West oder Noel Coward. Die können froh sein, das Operation Seelöwe abgeblasen worden ist.«
Schmidt schob den Teller ein Stück von sich, den er während des Monologs von Canaris von den letzten Resten der Berliner Leber befreit hatte.
»Ein starkes Stück, Wilhelm. Klingt ja fast wie eine Räuberpistole. Auf jeden Fall danke ich dir, dass du mich ins Bild gesetzt hast. Zumindest ahne ich jetzt, wem ich gleich begegnen werde. Es tut mir nur leid, dass dein Essen kalt geworden ist.«
Der Admiral hatte sein Besteck in beide Hände genommen und sich über seine Berliner Hechtklopse hergemacht.
»Erzähl mal, was es bei dir Neues gibt.«
»Oh, eine ganze Menge. Dank unserer Informanten wissen wir immer mehr über die Entwicklungen auf der anderen Seite des Kanals und glaube mir, die neuen Erkenntnisse lassen mich nicht ruhig schlafen. Auf der einen Seite wird mit Nachdruck in die Entwicklung von Kolbenflugzeugen, insbesondere schwere Bomber und Jäger investiert, auf der anderen Seite scheint das Luftfahrtministerium erhebliche Summen in den neuen Strahlantriebs zu stecken.«
»Was heißt denn Strahlantrieb, Othmar? Entschuldige, aber ich bin noch nicht firm mit dieser neuen Technologie.«
»Kein Problem, Wilhelm. Ich versuche es dir so simpel wie möglich zu erklären: Das Strahltriebwerk besteht aus den Komponenten Laufrad, Verdichter, Brennkammer, Turbine und Schubdüse. Das Laufrad verdichtet die angesaugte Luft, die anschließend in der Brennkammer erwärmt wird. Durch die Expansion in der Brennkammer strömt die Luft durch die Turbine und Schubdüse hinaus. Die Antriebsleistung für den Verdichter wird in der Turbine erzeugt, die restliche Energie des Luftstrahls wird durch die Düse zum Vortrieb benutzt. Alles klar?«
»Das versteh ich jetzt, danke, aber heißt das, die Engländer haben einen Vorsprung?«
»Das noch nicht, aber wir müssen unter allen Umständen Hans von Ohain stärker unterstützen. Das gleiche gilt für Dr. Anselm Franz von den Junkers Motorenwerken in Dessau, der zurzeit den Prototyp des Jumo 004A entwickelt und den Technikern bei BMW. Der erste Test des Jumo 004 soll in ein paar Wochen gestartet werden. Damit haben wir immer noch einen Vorsprung, aber der ist nur zu halten, wenn sie optimale Unterstützung vom Reichsluftfahrtministerium erhalten. Heinkel, Messerschmitt, Arado, Lippisch, die Horten Brüder, eigentlich alle in der Luftfahrtindustrie warten ungeduldig auf ein funktionierendes und erprobtes Triebwerk.«
»Nun ja«, räusperte sich Canaris, »wichtiger ist im Augenblick natürlich die konventionelle Luftrüstung der Briten. Hast du da neue Erkenntnisse.«
»Dank deiner beiden V-Männer in der neuen Supermarine Fabrik Castle Bromwich wissen wir ziemlich genau, was der Stand der Dinge ist. Zunächst einmal bleibt unbestritten, dass die Spitfire ein ausgezeichnetes Flugzeug ist, das in einigen Details sogar der Bf 109 überlegen ist. Ihre größte Stärke ist ihre überlegene Wendigkeit im Kurvenkampf. Darüber hinaus verfügt die Royal Air Force im Gegensatz zur Luftwaffe seit Mitte 1940 über große Mengen 100-Oktan-Treibstoff. Das verleiht dem Merlin-Motor unter 4000 Meter Höhe mehr Leistung als der mit 87-Oktan-Kraftstoff betriebene DB601A der Bf 109.«
Der Admiral unterbrach ihn, indem er seinen Zeigefinger auf Schmidt richtete.
»Habe ich dir eigentlich schon von Gallands Eskapade bezüglich der Spitfire berichtet?«
Othmar Schmidt schüttelte seinen Kopf und griff zum Glas.
»Nach dem enttäuschenden Verlauf von Adlertag hatte Göring ein Treffen mit Luftwaffe-Assen anberaumt, und Galland gefragt, was er brauche, um die Royal Air Force zu schlage.«
»Und was antwortete er?«
Canaris gluckste: »Herr Reichsmarschall, geben Sie mir eine Staffel Spitfire.«
»Na das zeigt doch deutlich, wie gut der Vogel ist«, konterte Schmidt.
»Aber sie hat auch Defizite. Das große Manko ist bisher die fehlende Treibstoffeinspritzung. Wird ein Messerschmittpilot angegriffen, so kann er seine Maschine in einer brenzligen Situation einfach andrücken und in einen parabelförmigen Sturzflug gehen, ohne dass der Motor aussetzt. Der Spitfirepilot kann das nicht, da durch die negative G-Beschleunigung der Treibstoff in den Vergasern nicht mehr aufbereitet werden kann und somit der Motor im ungünstigsten Falle abstirbt.
Zumindest bis jetzt nicht. Wir wissen, dass die Ingenieure an dem Problem arbeiten und es kann nur Monate dauern, bis sie das Problem gelöst haben werden.«
»Und die Bomberentwicklung?«
»Da macht der Tommy Druck, um seine zweimotorigen Blenheims und Wellingtons durch viermotorige Langstreckenbomber zu ersetzen. Wir haben genaue Erkenntnisse, dass die Produktion des Sterling Bombers bei Short in Rochester im August angefahren wurde. Während der Luftschlacht um England wurde die Fabrik von unseren Dornier Do 17 im Tiefangriff bombardiert, schwer beschädigt, und eine Reihe bereits fertiger Sterlings zerstört. Das wird sie mindestens um sechs Monate zurückgeworfen haben.«
Canaris hatte sein Besteck auf den Teller gelegt, seinen Mund mit der Serviette abgetupft und machte eine fast unmerkliche Handbewegung, die aber sofort von dem Oberkellner richtig interpretiert wurde. Nach nur wenigen Augenblicken stand er mit einer fein ziselierten Zigarrenkiste aus Zedernholz neben ihm.
»Haben Sie zufällig noch eine dieser wundervollen Romeo Y Julieta Churchill?« wandte sich der Admiral an den Oberkellner.
»Davon haben wir zum Glück bereits 1938 nur für Sie eine kleine Reserve angelegt«, erwiderte dieser und deutete auf eine fest gerollte Havanna. Canaris amüsierte sich königlich, als er das verblüffte Gesicht von Schmidt bemerkte.
»Eine Romeo und Julia à la Winston Churchill?«
«Ein toller Name für eine Zigarre, nicht wahr, Othmar!« lachte Canaris.
»Du hast Recht, dieser Zigarrenname erinnert tatsächlich an William Shakespeare und sein berühmtes Liebespaar. Die Marke reicht bis etwa in das Jahr 1875 zurück. Sie hat einen Geschmack von mittlerer Stärke und ihre Einlage, die Um- und Deckblätter, stammen allesamt aus Kuba. 1928 hat mich der damalige Chef der spanischen Sicherheitspolizei, Martinez Anido, in die Geheimnisse dieser kubanischen Spezialität eingeführt und mich zu einem Abhängigen gemacht. Zum Glück kann ich immer noch nach Spanien reisen und so auch privat mein Laster befriedigen«, schmunzelte Canaris, der sich nun daran machte aus dem simplen Vorgang eines Zigarren Anzündens eine Festivität zu machen. Zunächst schnitt er mit einem Flachcutter aus Edelstahl die geschlossene Spitze des Kopfes ab und näherte sich langsam der Flamme eines Original Habanos Zigarrenzündholzes, die ihm der Kellner entgegenstreckte. Zuerst hielt er die Spitze an eine Flamme, ohne die Zigarre dabei in den Mund zu nehmen, und ließ gleichmäßig auf allen Seiten der Spitze Asche entstehen. Erst als dieser Vorgang zu seiner Befriedigung abgeschlossen war, nickte er dankend dem Oberkellner zu und nahm einen tiefen Zug.
»Siehst du, das liebe ich so am Hiller. Selbst unter Barbaren gibt’s es noch einen Platz, wo man sich seinen Stil behaupten kann.«
Beide hingen nun für einige Zeit ihren Gedanken nach, bis Canaris nach einem Blick auf seine Uhr zum Aufbruch drängte.
»Othmar, wir müssen los, wir wollen uns doch nicht nachsagen lassen, wir würden unsere Gäste warten lassen!«
Canaris beglich die Rechnung, bedankte sich beim Maitre des Restaurants mit einemWink und steuerte mit Schmidt im Schlepptau auf seine Limousine zu. Der Gefreite lehnte am rechten Kotflügel, hatte sich soeben eine Overstolz Zigarette angezündet und schaute einem BDM Mädel hinterher, die in Richtung Brandenburger Tor entschwand.
»Wohin jetzt, Herr Admiral?«
»Fahren sie uns bitte zurück zum Amt, Gefreiter«.
Nach wenigen Minuten erreichten sie das Tirpitzufer und die Zentrale der Abwehr. Es blieb nur wenig Zeit, um sich frisch zu machen und Schmidt musste sich beeilen. Als er wieder in Canaris Büro zurückkehrte, befand sich der Admiral in einem intensiven Gespräch mit Oberst Hans Piekenbrock, seit 1936 Chef der Abteilung 1, militärische Erkundung im Ausland; ein anderer Ausdruck für Spionage. Beide unterbrachen sofort ihr Gespräch, als sich Schmidt durch ein Räuspern bemerkbar machte. »Na Oberleutnant, wie geht es Ihnen?« Piekenbrock hatte sich herumgedreht und ihm seine Hand ausgestreckt.
»Danke gut, Herr Oberst. Wie sollte es auch anders sein, wenn man vom Herrn Admiral zu einem opulenten Mittagessen eingeladen wurde.«
Piekenbrock lachte schallend.«Diese Einladungen kenne ich nur zu gut. Anschließend braucht man mindestens eine Stunde, um sich zu regenerieren. Bei mir hilft dann nur ein Nickerchen.«
Piekenbrock raffte seine Papiere zusammen und wandte sich zum Gehen. Dann zögerte er kurz und meinte sich an Canaris wendend:»Bleibt es bei unserem Treffen heute Abend, Wilhelm?«
»Natürlich Hans, eine Partie Schach mit dir lasse ich mir nicht entgehen.«
In diesem Augenblick klopfte Ilse Hamich, eine von zwei Sekretärinnen Canaris, an die Tür: »SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich und SS-Sturmbannführer Walter Schellenberg sind soeben eingetroffen, Herr Admiral.«
»Führen Sie bitte die Herren ins Besprechungszimmer, Fräulein Hamich, wir sind sofort bei ihnen.«
Canaris griff sich einen Block und Stift and klopfte Schmidt auf die Schulter: »Na, dann wollen wir mal.«
Als sie im Besprechungsraum, der nur zwei Türen weit von Canaris Büro entfernt war, eintrafen, schauten Heydrich und Schellenberg schweigend auf den Landwehrkanal. Heydrich war ein Hüne von einem Mann, der dem Nazi-Idealbild eines Ariers sehr nahe kam.
»Guten Tag, meine Herren«, begrüßte sie Canaris. Die beiden SS-Offiziere drehten sich um und grüßten unisono mit gestrecktem rechten Arm und einem verhaltenen »Heil Hitler, Herr Admiral.«Heydrich lächelte Canaris an: »Sie sehen prächtig aus, Admiral. Muss wohl an Kasper und Sabine liegen. Man sieht, die frische Luft tut ihnen gut.«
Canaris trat auf Heydrich zu und umfasste mit beiden Händen seine Schulter: »Schön, dass man sich mal wieder sieht. Wie geht es Lina?«
»Danke gut, wann können wir denn mal wieder sie und ihre Frau in unserem Haus begrüßen?Wir wohnen doch nur einen Steinwurf weit entfernt.«
»Da haben Sie Recht, mein lieber Heydrich. Doch ich muss Sie enttäuschen, Erika und meine beiden Töchter sind für die Dauer des Krieges an den Ammersee gezogen. Wer weiß, ob es nicht doch noch zur Bombardierung Berlins kommt.«
»Wie können sie denn Göring misstrauen, der sagte, er wolle Meyer heißen, wenn je ein britisches Flugzeug eine deutsche Stadt bombardieren sollte«, entgegnete er scherzhaft.
Heydrich wandte sich jetzt an Schmidt, lächelte ihn an und meinte »ah, da ist ja der Oberleutnant, dessen Ruf ihm vorauseilt.«
Schmidt stand unwillkürlich noch ein Grad zackiger stramm und erwiderte »zu viel der Ehre Herr Gruppenführer« und zu Schellenberg gewandt »ich darf mich vorstellen, Oberleutnant Othmar Schmidt, Technisches Amt der Abwehr.«
Schellenberg reichte ihm die rechte Hand und drückte mit einem freundlichen Lächeln Schmidts Rechte.
»Schön Sie zu sehen, Oberleutnant. Ihre Analyse der Spitfire und der britischen Luftrüstung ist in der Tat herausragend.«
»Nun aber genug des gegenseitigen antichambrierens«, unterbrach Canaris Schellenberg lachend. »Sie machen ja meinen Mann ganz verlegen«.
Nun denn, Herr Admiral, wir haben in der Tat nicht viel Zeit und möchten direkt zur Sache kommen.«Dabei zogen er und Schellenberg ihre Ledermäntel aus und legten sie über zwei unbesetzte Stühle.
»Wir können ja wohl davon ausgehen, dass in der Zentrale der Abwehr dieser Besprechungsraum abhörsicher ist«, erklärte Heydrich, und machte es sich auf seinem gepolsterten Stuhl bequem.
»Wir sind hier auf Weisung von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, um mit Ihnen eine Operation zu erörtern, die die Sicherheit des Reiches und den Endsieg betrifft.«
Canaris tat so, als ob diese Eröffnung keinen Eindruck auf ihn hinterlassen hatte und entgegnete: »Dann schießen Sie mal los, Gruppenführer.«
»Das werde ich, möchte Sie aber darum ersuchen, sich keinerlei schriftliche Notizen zu machen. Der Anlass ist zu sensibel. Wie Sie wissen, Canaris, wird zurzeit die Operation Barbarossa, der Angriff auf die Sowjetunion vorbereitet.«
Canaris verzog keine Mine, bei Schmidt hingegen drückte seine Mimik totale Überraschung und komplette Sprachlosigkeit aus. Lächelnd schaute Heydrich abwechselnd Canaris und Schmidt an und bemerkte anerkennend:«Geheimhaltung wird tatsächlich groß geschrieben« und an Schmidt gewandt: »Machen Sie sich nichts draus, als Sachverständiger für angloamerikanische Abwehrfragen gab es ja keine Veranlassung vom Admiral, Sie von dem bevorstehenden Feldzug in Kenntnis zu setzen.«
Schmidt machte Anstalten sich zu äußern, doch Canaris legte besänftigend seine Hand auf seine Schulter.
»Aber, Herr Oberleutnant«, fuhr Heydrich fort, »Sie werden von nun an in Kenntnis gesetzt werden, da es von ungeheurer Wichtigkeit sein wird, mehr Erkenntnisse von den technischen Fortschritten unserer Gegner auf allen Gebieten zu gewinnen und unsere eigene Forschung vor Ausspähung zu schützen. Wie sie alle wissen, hat der Führer, in der Gewissheit den Endsieg in schnellen Blitzkriegen herbeiführen zu können, vergangenen Februar die Einstellung aller Entwicklungen von Waffen verfügt, die länger als zwölf Monate brauchen, um fronttauglich zu sein. So zumindest wurde die Weisung von den drei Teilstreitkräften und der Industrie verstanden. Am Abend des 22. Juni, nachdem in Compiègne der Waffenstillstand geschlossen wurde, wurde Himmler zu einem Privatgespräch mit Hitler in sein Feldquartier Wolfsschlucht in Brûly-de-Pesche in Belgien gebeten. In diesem Gespräch setzte Hitler den Reichsführer über seine Pläne in Kenntnis und übertrug ihm die Verantwortung für verschiedene Projekte.«
Man konnte Canaris nicht ansehen, wie es in ihm arbeitete, doch sein Verstand war hellwach. Für ihn war klar, dass mit dem Beginn des Weltanschauungskrieges, wie Hitler in einer Besprechung in der Reichskanzlei vor hohen Generälen den bevorstehenden Krieg gegen Russland genannt hatte, eine neue Dimension der Auseinandersetzung einziehen sollte, welche die bestehenden Regeln der Haager Landkriegsordnung außer Kraft setzen würde. Diese »verschiedenen Projekte« mussten in kausalem Zusammenhang mit Barbarossa stehen. Aber was führten Himmler und Heydrich im Schilde? Heydrich räusperte sich und begann mit seinen Ausführungen fortzufahren.
»Der Reichsführer ist sich mit dem Führer einig, dass sowohl die schwere Aufgabe, die vor uns liegt, als auch der andauernde Kampf mit England das Reich zwingt, alle Ressourcen zu bündeln und die Entwicklungen zu fördern und gleichzeitig zu schützen, die dem Reich einen technologischen Vorsprung garantieren, um den Endsieg sicherzustellen.«
Aha, dahin also läuft der Hase, dachte Canaris. Die SS will nicht nur die Waffen-SS als vierte Teilstreitkraft, sondern sich auch das technologische Potenzial des Reiches sichern.
»Gruppenführer …« hob Canaris an, den Redeschwall Heydrich zu unterbrechen, doch der stoppte den Versuch mit «… lassen Sie mich noch den Gedanken zu Ende führen«, sodass Canaris augenblicklich verstummte.
»Aus diesem Grunde wurde beschlossen, eine Kommission zu bilden, die paritätisch aus der Abwehr und dem RSHA besteht. Zwei Ziele soll der Ausschuss verfolgen. Zum einen die Identifizierung und Förderung von neuen Waffensystemen, zum anderen eine Forcierung der Anstrengungen feindliche Geheimdienstoperationen, insbesondere solcher des britischen Secret Service, zu verhindern. Als Vorsitzende dieser Kommission schlage ich für das RSHA Sturmbannführer Walter Schellenberg vor und würde mich freuen, Oberleutnant Othmar Schmidt als ihren Stellvertreter in der neuen Position begrüßen zu können.«
Schellenberg und der verblüffte Schmidt sahen sich an. Stille breitete sich sekundenlang aus, bevor sich Canaris mit den Ellenbogen auf den Konferenztisch aufstützend das Gespräch eröffnete.
»Gruppenführer glauben sie wirklich, Göring als Chef der Luftwaffe, Raeder als Oberkommandierender der Marine, Keitel für das Oberkommando der Wehrmacht, oder Todt als Reichsminister für Bewaffnung und Munition und Leiter der gesamten deutschen Kriegswirtschaft würden solch einer Entmachtung ihrer selbstständigen Waffenentwicklung zulassen? Ganz zu schweigen vom Widerstand des Marinebauamtes, des Heereswaffenamtes, des Reichsluftfahrtministeriums?«
Heydrich konterte gelassen.
«Der Führer hat bereits mit den zuständigen Herren gesprochen, ihnen seine Sichtweise der Dinge und die Notwendigkeit der Durchführung erläutert. Sehen sie Canaris, der Führer hat den Entwicklungsstopp ja nicht nur erlassen, weil der den schnellen Sieg über Frankreich vorhergesehen hatte. Er war auch verärgert über die explosionsartige Vermehrung von Waffen- und Geräteentwicklungen. Die Artenvielfalt nahm ja geradezu verrückte Dimensionen an. Nur ein Beispiel: Anfang 1939 stellte der Führer fest, dass es in der Wehrmacht über einhundert verschiedene LKW-Typen gab. Über einhundert! Das muss man sich mal vorstellen, wie da allein die Ersatzteilversorgung demnächst in Russland funktionieren soll. Der Führer hat daraufhin den Schell-Plan des Generalbevollmächtigten für das Kraftfahrwesen, Oberst Adolf von Schell, abgesegnet, der diesen Irrsinn auf vierzehn Haupttypen reduzieren soll. Und solch ein Modell sehen Hitler und der Reichsführer nun auch für zukunftsträchtige Waffensysteme vor. Machen sie sich also keine Sorgen. Ich nehme auch an, dass Ihr Freund, Generalluftzeugmeister Udet, demnächst von Göring in Kenntnis gesetzt werden wird.«
Der Admiral war beeindruckt, von der enormen Entschlossenheit, mit der Himmler und Heydrich zielstrebig ihr SS-Imperium ausbauten. Er musste zugeben, dass er solch einen Schritt nicht vorausgesehen oder erahnt hatte. Daneben konnte er sich des Verdachtes nicht erwehren, dass solch eine Fokussierung enorme Fortschritte bei der Entwicklung neuer Systeme und Technologien nach sich ziehen würden. Aber wie war es Himmler gelungen, Hitler dazu zu bringen, ihn mit solch einer Machtfülle auszustatten. Denn das war es ohne Zweifel. Es lag ja auf der Hand, dass es Himmlers Waffen-SS sein würde, die als Erste von solchen Entwicklungen profitieren würde. Schmidt hatte sich so langsam aus seiner Schockstarre gelöst, hob seine rechte Hand, um die Aufmerksamkeit Heydrichs zu erlangen.
»Wieso sind Sie der Meinung, dass ich der richtige Mann neben Schellenberg wäre?«
»Nun, Schmidt, ich wäre nicht Chef des RSHA, wenn ich nicht meine Hausaufgaben machen würde. Zum einen hat mir schon ihr Admiral vor Monaten bei einem gemeinsamen Ausritt im Tiergarten von ihnen berichtet. Zum anderen bin ich selbst Jagdflieger und habe daher mit großem Interesse Ihre erstaunliche Analyse der englischen Spitfire und der Produktionsabläufe in England gelesen. Daneben arbeitet Ihr Vater federführend an einem revolutionären Projekt in der Marinerüstung. Aber ausschlaggebend waren Ihre Beurteilungen und Ihre akademische Ausbildung.«
»Ich wusste gar nicht, dass Sie auch Jagdflieger sind«, erwiderte Schmidt verdutzt. »Ich habe auch schon einen aktiven Einsatz hinter mir«, lachte Heydrich.
»Im April dieses Jahres habe ich mich beim Reichsführer abgemeldet, um auch meinen Teil am aktiven Kampf zu leisten.«
»Wo waren Sie denn stationiert, wenn ich fragen darf?«
»Fragen Sie ruhig, Oberleutnant. Ich war mit meiner Messerschmitt Bf 109 als Teil der Jagdgruppe II des Jagdgeschwaders 77 Herz As in Norwegen. Leider habe ich aber meine Mühle bei einem Start im Mai in Stavanger überzogen und mich überschlagen.«
»Das kann bei der Me 109 leicht passieren", lächelte Schmidt, »da haben sogar Asse wie Adolf Galland oder Werner Mölders manchmal ihre Schwierigkeiten. Ich bin übrigens mit einer solchen Maschine heute aus Rechlin gekommen.«
»Sie Glücklicher«, seufzte Heydrich. »Ich will aber meine Norwegenscharte auswetzen und mich bei dem bevorstehenden Russlandfeldzug wieder zum Einsatz melden. Sofern mir nicht meine Frau oder der Reichsführer einen Streich spielt.«
Heydrichs blaue Wolfsaugen lachten Schmidt ins Gesicht.
»Treiben sie eigentlich Sport, mein Lieber?«
»Ich fechte mit meinem Freund Otto Lechner, so oft es geht, Gruppenführer.«
»Na, das nenne ich einen Zufall. Fechten ist meine große Leidenschaft. Immer wenn ich den Degen in die Hand nehme, verwandele ich mich und werde stark. Fechten beansprucht Muskeln und Geist. Eine wundervolle Kombination. Ist es nicht so, Schmidt?«
»Das trifft es genau und neben der mentalen Stählung verliert man auch noch Kalorien.«
Beide lachten aus vollem Halse und Canaris spürte mit einer leichten Beunruhigung, dass Schmidt und Heydrich auf einer Wellenlänge lagen. Es war aber auch unheimlich zu sehen, wie sehr sich ihre Interessen glichen.
»Was halten sie eigentlich davon Schellenberg, wenn wir unseren neuen Freund heute Abend in Kittys Salon einladen?«
»Ausgezeichnete Idee, Gruppenführer, dann können wir uns ja mal ausgiebig beschnuppern«, antwortete Schellenberg, der sich bislang mit Wortmeldungen zurückgehalten hatte.
»Darauf bin ich aber nicht eingestellt«, klagte Schmidt.
»Zum einen habe ich heute noch eine Verabredung in Rechlin, zum anderen habe ich weder Zahnbürste, noch andere nötigen Utensilien bei mir.«
»Kein Problem«, meinte Heydrich, »wir lassen Ihnen ein Zimmer im Kaiserhof reservieren. Die sind auf Fälle wie Sie eingerichtet«, lachte er dröhnend.
»Betrachten sie sich als Gast des RSHA und, Schellenberg, denken Sie daran, unsere Anlage in Kittys Keller für die Dauer unseres Besuches abzuschalten.«
Schellenberg grinste und sagte zu Schmidt: »Die Damen werden Ihnen gefallen. Da bin ich mir sehr sicher.«
Schmidt schaute Canaris fragend an und der nickte zustimmend.
»Bleiben sie heute Nacht in Berlin.«
Und schmunzelnd fügte er hinzu: »Der Gruppenführer sorgt ja auch dafür, dass unser Etat nicht belastet wird. Mit der neuen Entwicklung müssen wir uns dann morgen sowieso noch intensiv befassen.«
Heydrich und Schellenberg sahen ausgesprochen erleichtert aus, da sie sich nicht sicher waren, wie Canaris auf ihr Vorhaben reagieren würde. Doch noch war nichts in trockenen Tüchern.
»Nun Admiral, Sie haben sich ja noch nicht bezüglich meines Personalvorschlages aus ihrem Hause geäußert. Was halten sie von meinem Vorschlag?«
»Grundsätzlich bin ich einverstanden, aber wir beide müssen uns noch einmal zusammensetzen, um ein paar Grundsätzlichkeiten zu vereinbaren. Möglicherweise geht dieses Vorhaben über unsere Zehn Gebote hinaus.«
»Das sehe ich genauso Admiral. Je früher desto besser. Wie wäre es mit einem Ritt durch den Tiergarten morgen Mittag. Das haben wir lange nicht mehr gemacht und abgesehen davon«, grinste er, »können wir dabei nicht abgehört werden.«
»Also gut.12:00 im Tattersall des Westens an der Grolmannstrasse.«
Heydrich griff nach seinem Mantel und der erheblich kleinere Canaris, der wie ein Buchhalter gegen den Herrenreiter Heydrich aussah, gingen auf Schmidt und Schellenberg zu, die sich angeregt am Fenster unterhielten.
»Also Schellenberg, auf gehts. Die Arbeit läuft leider nicht davon«, und dirigierte seinen Mitarbeiter Richtung Ausgang.
»Moment noch, mein Mantel.« Schellenberg machte eine geschmeidige Drehung, packte seinen schweren Ledermantel und folgte Heydrich, der schnellen Schrittes Richtung Ausgang ging.
»Canaris, danke für das Gespräch, wir sehen uns morgen« und zu Schmidt gewandt, »Schellenberg wird Sie gegen acht Uhr im Königshof abholen. Und im Übrigen muss ich nicht betonen, dass diese Unterhaltung nicht stattgefunden hat und geheime Reichssache ist.«